Warum machen uns Angst und Gefahr geil?
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Man könnte annehmen, dass dies ein neues Phänomen ist: Sex verkauft sich gut, also machen wir Halloween-Kostüme und Kinotickets sexy, um sie besser zu verkaufen. Aber das wäre falsch. Der Drang, sich selbst zu erschrecken und gleichzeitig zu erregen, ist viel, viel älter. Die Danse Macabre, ein häufiges Motiv in der europäischen mittelalterlichen Kunst, zeigt untote skelettartige Feiernde, die die Menschen in einen fröhlichen – und skandalösen – Tanz zu ihren Gräbern führen. Die hinduistische Todesgöttin Kali wird oft größtenteils nackt dargestellt, mit bloßen Brüsten, blutigen Reißzähnen und einem abgetrennten Kopf in der Hand. Die Verbindung zwischen Erregung und Angst reicht noch weiter zurück als das, noch bevor es menschliche Kultur gab. Tatsächlich hat sie ihre Wurzeln in unserer Biologie.
Es stellt sich heraus, dass die primäre, grundlegende Emotion, die sowohl sexueller Erregung als auch Angst zugrunde liegt, dieselbe ist.
Um das zu verstehen, müssen wir unsere Vorstellung von Emotionen neu denken. Wir neigen dazu, sie als unmittelbar zu betrachten: Du siehst endlich einen Parkplatz, fühlst Erleichterung. Jemand anderes ist schneller, du fühlst Frustration. Aber Psychologen haben entdeckt, dass unsere Emotionen tatsächlich etwas anders funktionieren. Nach der Zwei-Faktoren-Theorie der Emotionen fühlen wir zuerst eine primäre, grundlegende Emotion wie Ruhe oder Freude und geben ihr dann je nach Umgebung eine spezifischere Bezeichnung. Das passiert so schnell und nahtlos, dass wir es gar nicht bemerken. Was hat das mit sexy Vampiren zu tun? Es stellt sich heraus, dass die primäre, grundlegende Emotion, die sowohl sexueller Erregung als auch Angst zugrunde liegt, dieselbe ist, und ob wir diese Grundemotion als die eine oder die andere interpretieren, hängt vom Kontext ab. Dr. Sandra Langeslag, Forscherin an der University of Missouri-St. Louis, die sich auf die Wissenschaft von Emotion und Motivation spezialisiert hat, erklärt: „Wenn du Erregung erlebst, nicht unbedingt sexuelle Erregung, sondern einfach körperliche Erregung – erhöhter Herzschlag, gesteigerte Aufmerksamkeit – dann aktiviert sich dein sympathisches Nervensystem, und du musst diese Empfindung etwas in deiner Umgebung zuschreiben.“ Es ist sehr leicht, diese Empfindung falsch zuzuordnen, sodass du bei einem Horrorfilm die Erregung deinem Date zuschreiben könntest, statt dem Killer auf dem Bildschirm. Dieses Phänomen, treffend „Fehlzuordnung der Erregung“ genannt, wurde eindrucksvoll im berühmten Braut-Experiment von Donald Dutton und Arthur Aron 1974 gezeigt. Männliche, heterosexuelle Testpersonen sollten eine schmale, schwankende, furchteinflößende Brücke über eine Schlucht überqueren. In der Mitte stellte ihnen eine weibliche Forscherin einen Fragebogen vor. Nach dem Ausfüllen gab sie ihnen ihre Telefonnummer. Als Kontrolle wurde das Experiment genau wiederholt, diesmal aber auf einer stabilen, breiten Brücke nur wenige Meter über dem Boden.
Dinge können sexier wirken, wenn sie mit Angst vermischt sind, aber diese Angst muss aus einer kontrollierten Quelle stammen, damit wir uns auch ruhig und sicher fühlen können.
Die Ergebnisse dieses (ethisch fragwürdigen und Bond-mäßigen) Experiments waren beeindruckend: Die Testpersonen auf der gruseligen Brücke riefen die Frau viermal so häufig an wie die Kontrollgruppe. Außerdem waren die Antworten auf den Fragebogen bei den Testpersonen auf der gruseligen Brücke häufiger sexuell geprägt als bei der Kontrollgruppe. Die Testpersonen wurden von der Brücke erregt und schrieben diese Erregung der Frau zu. Allgemein gesprochen wirken Dinge sexier, wenn wir ein bisschen Angst haben, und gruseliger, wenn wir ein bisschen erregt sind. Die Fehlzuordnung der Erregung bedeutet auch, dass es nichts gibt, wofür du dich schämen müsstest, wenn du von etwas Dunklem oder Beängstigendem erregt wirst. Du bist nicht seltsam. Du bist nicht psychisch krank. Du brauchst keinen Therapeuten. Tatsächlich funktioniert dein Gehirn völlig normal. Diese Theorie wird jedoch durch andere Forschungen kompliziert, die zeigen, dass Erregung am leichtesten entsteht, wenn wir uns ruhig fühlen. Das mag widersprüchlich klingen, spricht aber für die vielschichtige Natur der menschlichen Sexualität. „Dein Körper muss ruhig sein, bevor er sexuell erregt werden kann“, sagt Dr. Langeslag. „Große Stressfaktoren signalisieren deinem Körper einfach: ‚Wir müssen uns auf das Überleben konzentrieren, jetzt ist keine Zeit für Fortpflanzung.‘“ Mit anderen Worten: Dinge können sexier wirken, wenn sie mit Angst vermischt sind, aber diese Angst muss aus einer kontrollierten Quelle stammen, damit wir uns auch ruhig und sicher fühlen können. (Das ist zum Beispiel der Unterschied zwischen dem Ausleben einer Vergewaltigungsfantasie mit einem vertrauten Partner und einem tatsächlichen Angriff.) Wie kannst du also die Fehlzuordnung der Erregung für dein eigenes Vergnügen nutzen? Nun, zuerst kannst du bessere Dates planen. Horrorfilme, Achterbahnen und sogar Sport sorgen alle für diese grundlegende körperliche Erregung und hoffentlich für einen schönen Schub der Stimmung zwischen dir und deinem Date. Aber noch einmal: Die aufregende Wirkung von Angst kann nur wirken, wenn sich alle ruhig und sicher fühlen, daher ist das Wichtigste immer noch, offene Kommunikation und Vertrauen aufzubauen. Wenn du also das nächste Mal entscheidest, ob du The Shining oder die Mr.-Rogers-Biografie schauen möchtest, denk daran: Die Fehlzuordnung der Erregung ist real, normal und wenn du sie richtig verstehst, kann sie dir sogar helfen, die Dinge spannend zu halten.




